12. Oktober 2014

Warum es gut ist, vor dem Fernseher zu weinen

Vegan ist gerade in aller Munde - wir sind endlich aus der staubigen Müsli-Ecke herausgekommen und sind jetzt eine ganze Menge Dinge: Fit. Sexy. Modern. Süß. Lecker. Naschkatzen. Trendy. Lifestyle. 
Ich bin die Letzte, die sich darüber beschwert - wie könnte ich auch? Wenn ich jemandem erzähle, dass ich vegan lebe, bekomme ich in letzter Zeit beifälliges Nicken und Erzählungen des letzten grünen Smoothies anstatt ungläubiger Blicke und halbherziger Witzeleien über Vegetarier. In Restaurants kann man mir tatsächlich vegane Alternativen vorschlagen, anstatt mich nach einer peinlichen Pause zu fragen, ob ich denn Fisch essen würde. Arbeitskollegen berichten mir von den veganen Rezepten, die sie ausprobiert haben. Die vegane Welle ist ein Segen, anders kann ich es nicht bezeichnen - einmal Händeklatschen und dreimal Hallelujah, bitte!


Und trotz der glücklichen veganen Welt finde ich es gelegentlich ganz hilfreich, wenn ich furchtbar traurig bin. Wenn ich vor dem Fernseher in mein Taschentuch heule. Oder im Internet Bilder ansehe, bei denen ich mir das Schluchzen verbeissen muss. Gibt es Tränen in einer Welt, die voll ist von gut gelaunten, trendy Veganern und Veganerinnen, die die allerbesten Cake Pops backen? Ja. Ich sage, es muss sie für mich geben. Weil es mich erinnert, wie ich zu all dem gekommen bin. Weil hinter meinem Verständnis von Veganismus die Ablehnung von Tierquälerei steht.

Ich habe mich immer bemüht, den Blog hier positiv zu gestalten - ohne detaillierte Beschreibungen von grausigen Praktiken an sogenannten Nutztieren. Ich denke, das ist mir auch ganz gut gelungen. Es ist wichtig, sich auf das Positive zu konzentrieren, denn das macht den veganen Lebensstil zugänglicher und interessanter für andere. Wer will sich schon ständig Schauergeschichten anhören?

Trotzdem finde ich, dass genau diese Schauergeschichten nicht aus dem Blick rücken dürfen zwischen all dem veganen Hype und den Hochglanz-Reportagen über die neuen, fröhlichen Veganer. Sie müssen erzählt werden, auch denen, die schon länger vegan leben. Weil diese Geschichten im Unterschied zu den Geschichten, die man rund ums Lagerfeuer erzählt, wahr sind. In diesen Geschichten geht es um verbrauchte Milchkühe, die nach etlichen Kälbern, die sie nie säugen durften, nicht mal mehr laufen können und entsorgt werden. Es geht um Schweine, die nie das Sonnenlicht gesehen haben, ständig auf Beton in ihren eigenen Exkrementen standen, bis ihr miserables Leben schließlich in Wurst endete. Es geht um Hühner, die sich gegenseitig zu Tode picken, weil sie so unnatürlich gehalten werden, dass sie schlichtweg verrückt werden. Das ist hundert Mal schauriger als jedes Schlossgespenst.


Ich bin vor sechs Jahren zum Veganismus gekommen, weil ich diese Schauergeschichten zuerst nicht glauben und dann nicht mehr unterstützen konnte. Und ich weiß, es gibt viele Wege zum Veganismus: Gesundheit, Klimaschutz oder eben Tierrechte - ich will keinen davon bewerten. Tatsache ist aber, dass wir die Traurigkeit im Veganismus nicht loswerden, egal wie bunt unsere Cupcakes oder wie lecker unsere Smoothies sind. Denn die Traurigkeit darüber, wie andere Lebewesen für unser Essen behandelt werden, treibt uns an. Treibt mich an.

Darum weine ich gelegentlich vor dem Fernseher, wenn ich mir ganz bewusst eine Reportage über Milchkühe oder Schweinemast ansehe, und es tut mir gut. Es tut weh, ich sehe es mir nicht gerne an, ich würde am liebsten umschalten - aber es tut gut. Nicht, weil ich eine Märtyrerin bin und mir dann selbst so unglaublich leid tue, oder weil ich mir am Samstagabend gerne Bambusstäbe unter die Fingernägel schiebe, sondern weil es eine kleine Erinnerung daran ist, dass für mich Veganismus mehr ist als mein neuestes Rezept für Marmorkuchen: Es ist ein alternativer Lebensstil, der aus dem Erkennen von Ungerechtigkeit geboren wurde. Und bei aller Fröhlichkeit und bei allem Genuss erlaube ich mir, darüber gelegentlich auch sehr traurig zu sein.

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